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Historie

Kleine Geschichte der Kurzschrift

Dieser Beitrag in Kurzschrift

Die Wurzeln der Kurzschrift liegen in der Antike. Erfunden wurde sie im Alten Rom, um Reden im Senat mitzuschreiben. Der erste überlieferte Einsatz datiert von 63 v. Chr. als ein Sklave Ciceros namens Tiro mit seiner Erfindung die Rede des jüngeren Cato gegen den putschenden Catilina mitschrieb. Diese sog. Tironischen Noten waren eine Wortschrift; es gab also für jedes Wort ein Zeichen, das auswendig gelernt werden musste.

Abbildung 1: links: Tironische Noten. rechts: System Willis
(beide Schriftproben nach Mentz, Geschichte der Kurzschrift, Wolfenbüttel, 1949)

Diese Kurzschrift wurde auch zur Protokollierung der ersten Konzilien der jungen christlichen Kirche benutzt. Sie geriet im Laufe des Mittelalters in Vergessenheit.

Bedarf an einer Stenografie entstand dann erst wieder in der Neuzeit, und zwar zuerst im England der Königin Elisabeth. Mitgeschrieben wurden in der bewegten Reformationszeit vor allem Predigten. Die von Timothy Bright 1588 erfundene Kurzschrift wurde aber auch benutzt, um Dramen von William Shakespeare mitzuschreiben. Die Übertragungen dieser Stenogramme bilden die Grundlage zahlreicher Raubdrucke, die gegen den Willen - und zum finanziellen Nachteil - des Dichters erschienen. In einigen Fällen verdanken wir diesen Mitschriften sogar die Kenntnis bestimmter Werke. Stenografisch ist die Kurzschrift Brights wie die Tironischen Noten eine Wortschrift; der Durchbruch zur Buchstabenkurzschrift gelang erst seinem Landsmann John Willis 1602. In ihr gibt es also für jeden Buchstaben ein eigenes Zeichen. (s. o. rechts) Diese Kurzschrift wurde während der folgenden Jahrhunderte fleißig verbessert und benutzt, um die Reden des britischen Unterhauses aufzunehmen. Charles Dickens z. B. hat viele Jahre als Pressestenograf sein Geld verdient und diese Erinnerungen in seinem David Copperfield eindrücklich beschrieben.

Aufs europäische Festland kam die Stenografie erst mit dem Parlamentarismus - und der setzte mit der Französischen Revolution ein. So entstanden zunächst französische Kurzschriften; in Deutschland wurde die Stenografie heimisch, als der Münchner Franz Xaver Gabelsberger mit seinen Versuchen begann, die Reden im 1819 gegründeten Bayerischen Landtag mitzuschreiben. Die Beispiele seiner Kurzschrift (s. u.) zeigen ein gänzlich anderes Erscheinungsbild als die Stenografien von Tiro oder Willis. Ihre Zeichen sind nämlich aus der Langschrift abgeleitet und nicht aus geometrischen Formen. Zur Bewältigung der umfangreichen Sitzungen des Bayerischen Landtages bildete Gabelsberger auch zahlreiche Stenografen aus. Mit einem von ihnen wurde er beauftragt, den Prozess gegen die Organisatoren des Hambacher Festes 1832 in Landau aufzunehmen. Das Stenogramm und das offizielle Protokoll weichen übrigens in einigen entscheidenden Punkten voneinander ab!

Abbildung 2: Deutsche Redezeichenkunst Gabelsbergers (1834). links: Alphabet, rechts: einige Wortbeispiele. Zitiert nach: Mentz, Geschichte der Kurzschrift, Wolfenbüttel, 1949

Gabelsbergers Schriftstil erwies sich für den mittel- und osteuropäischen Raum als zukunftsweisend und wurde daher im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts in vielen dieser Länder nachgeahmt. In Deutschland entstanden bald allerdings auch andere Kurzschriften, die zwar dieselben Zeichen wie Gabelsberger benutzten, ihnen aber andere Buchstaben zuordneten und sie nach anderen Regeln miteinander verbanden.

Zum wichtigsten Konkurrenten wurde die Kurzschrift Wilhelm Stolzes von 1841, dessen Anhänger mit denen von Ferdinand Schrey im Jahre 1897 fusionierten. Schrey vertrieb auch die am Ende des 19. Jahrhunderts neu aufkommenden Schreibmaschinen und schuf den Beruf des Stenotypisten - zunächst in der männlichen Form, obwohl er sich sehr bald als einer der ersten klassischen Frauenberufe entwickelte und damit wesentlich zur Emanzipation der Frauen beitrug.

Natürlich hatte die Vielzahl der Kurzschriftsysteme Nachteile - was fängt man z. B. mit einer Urlaubspostkarte an, die in einem Stenosystem geschrieben ist, das man nicht lesen kann?? -, sodass ab 1906 nach dem Vorbild der deutschen Dudenkonferenz versucht wurde, eine deutsche Einheitskurzschrift zu schaffen. Nach sehr schwierigen und zähen Verhandlungen konnte diese 1924 der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Sie setzte sich relativ rasch durch; die heute in Deutschland und Österreich übliche Fassung stammt aus dem Jahre 1968. In der Schweiz wird bis heute das System Stolze-Schrey geschrieben. Beide Systeme sind sich ihrem Wesen nach zwar sehr ähnlich, unterscheiden sich aber in der Zeichenverteilung so stark, dass sie ohne besondere Zusatzkenntnisse nicht lesbar sind.

Heute wird die Stenografie vor allem in den fast 200 Stenografenvereinen des Dt. Stenografenbundes (DStB) gepflegt. Dort treffen sich begeisterte Anhänger dieser Kunst, um z. B. ihre Schreibgeschwindigkeit durch gemeinsames Training zu steigern und sich auf Wettbewerbe vorzubereiten. Neben diesem Schnellschreibsport, der auch in Fremdsprachen betrieben wird, kommt natürlich auch die Freizeitgestaltung nicht zu kurz. Überregional werden solche Aktivitäten auch von den Jugendorganisationen im DStB, nämlich der Dt. Stenografenjugend (DStB), der Computer-Jugend NRW (WStJ) und der Hessischen Stenografenjugend (HStJ) veranstaltet.